Krünitz Enzyklopädie
Neulich hat mir Dr. Martin Zarnkow einen Textausschnit zugeschickt, den ich so erstmal nicht zuordnen konnte:

Durch Recherche stellte sich heraus, dass es ein Ausschnitt aus der Krünitz-Enzyklopädie (offiziell Oeconomische Encyclopädie) ist. Diese war eines der umfangreichsten Nachschlagewerke des deutschen Sprachraums, das zwischen 1773 und 1858 in 242 Bänden erschienen ist.
Wichtigste Fakten:
- Begründer: Johann Georg Krünitz (1728–1796) verfasste die ersten 75 Bände; nach seinem Tod wurde das Werk von anderen Gelehrten bis 1858 fortgeführt.
- Themenbereich: Das Werk behandelt die Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft sowie zahlreiche Handwerke, Techniken und Naturwissenschaften der Goethezeit.
- Umfang: 242 Bände mit rund 169.400 Seiten und fast 9.400 Kupferstichen.
- Bedeutung: Es gilt als unschätzbare kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Quelle für den Übergang von der Aufklärung zur Industrialisierung. Berühmte Zeitgenossen wie Friedrich Schiller nutzten es als Recherchequelle (etwa für das Lied von der Glocke).
- Online-Zugang: Das Werk wurde von der Universitätsbibliothek Trier digitalisiert und ist über das Portal Krünitz Online frei im Volltext recherchierbar.
Hervor zuheben ist, dass die Auszeichnungsschrift für die Ortsnamen — „Bamberger“, „Bruckberger“, „Cadolzburger“, „Langenzenner“, „Erlanger“, „Nürnberger“ usw. in der alten Schwabacher Schrift verwendet wurde. Erkennbar ist diese an:
- runden, bauchigen Kleinbuchstaben; das o ist ein geschlossener Kreis
- breiten, runden Versalien ohne Rüssel — vergleich das B von „Bamberger“ mit dem B der Kolumnentitelzeile „Bier.“
- dem charakteristischen g mit dem nach links ausschwingenden Unterbogen
- Die Faustregel für den Alltag: Schwabacher wirkt rund und gedrungen, Fraktur schmal und spitz. Und wenn in einem deutschen Buch dieser Zeit einzelne Wörter „fetter“ aussehen, ist das meist keine Fettung, sondern eben Schwabacher als Hervorhebung.
Die Schwabacher ist die erste eigenständig deutsche Druckschrift von Rang — und sie hat drei Bedeutungsebenen, die man auseinanderhalten sollte.
Herkunft und Name der alten Schwabacher Schrift
Sie entsteht um 1470/80 aus der Bastarda, also aus der schnell geschriebenen Kanzlei- und Gebrauchshandschrift, im Gegensatz zur feierlichen Textura. Der Name ist erst deutlich später belegt und historisch nicht gesichert. Die verbreitete Erklärung, ein Stempelschneider aus Schwabach habe sie geschaffen, ist eher Überlieferung als Beleg — sicher ist nur, dass die Wiege der Schrift im fränkisch-nürnbergischen Druckraum liegt. Nürnberg war um 1500 eines der wichtigsten Druckzentren Europas, und dort entstand später auch die Fraktur: Hieronymus Andreä schnitt sie ab etwa 1513 für Kaiser Maximilian I., unter Mitwirkung von Dürer und dem Schreibmeister Neudörffer.
Die Reformationsschrift
Zwischen etwa 1480 und 1530 ist die Schwabacher die deutsche Brotschrift schlechthin. Luthers Bibelübersetzung und die Flugschriften der Reformation erschienen überwiegend in dieser Type. Das ist ihre eigentliche historische Bedeutung: Sie war das Schriftbild, in dem sich das entstehende Neuhochdeutsche massenhaft verbreitete. Wer im 16. Jahrhundert Deutsch las, las Schwabacher.
Der Abstieg zur Auszeichnungsschrift
Ab den 1530er Jahren verdrängt die Fraktur sie als Grundschrift. Die Schwabacher verschwindet aber nicht, sondern bekommt eine neue Funktion — genau die, die man auf deiner Seite aus Krünitz sieht: Hervorhebung im Fraktursatz. Weil es in gebrochenen Schriften keine Kursive gab und die Sperrung nur schwach wirkt, übernahm die rundere, kräftigere Schwabacher die Rolle, die heute Fett oder Kursiv spielt. Dieses Dreischriftsystem — Fraktur für Deutsch, Schwabacher für Betonung, Antiqua für Latein und Fremdwörter — hielt sich rund 400 Jahre bis 1941.
Der Bruch 1941
Das Ende kam durch den sogenannten Normalschrifterlass vom 3. Januar 1941. Darin wurden die gebrochenen Schriften als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnet und abgeschafft. Die Behauptung war frei erfunden — es gibt keinerlei jüdischen Ursprung der Schrift, und ausgerechnet die Nationalsozialisten hatten die Fraktur zuvor als deutsche Schrift propagiert. Die wahren Gründe waren praktisch: Im besetzten Europa konnte niemand Fraktur lesen. Der Erlass beendete die deutsche Schriftsonderentwicklung endgültig; nach 1945 kehrte man nicht zurück.
Was bleibt, ist die Rolle als Signalschrift für Traditionsbetonung — Brauereien, Zeitungsköpfe, Wirtshausschilder. Bei dem Krünitz-Text schließt sich der Kreis insofern hübsch, als die Ortsnamen der fränkischen Biere in genau der Schrift stehen, deren Namensgeberin ein paar Kilometer südlich von Nürnberg liegt.
Krünitz Enzyklopadie und Schwabacher Bier
Die Enzyklopädie ist über weite Strecken ein Katalog: Krünitz geht die Biersorten Territorium für Territorium durch und bewertet sie nach Farbe, Stärke, Geschmack und — ganz Arzt, der er war — nach ihrer Wirkung auf den Körper. Dies Seite ist der fränkische Abschnitt, im Grunde eine Bierlandkarte des Nürnberger Umlands: Anspach, Bamberg, Bruckberg, Cadolzburg, Langenzenn, Erlangen, Farrnbach, Feucht, Lauf, Gräfenberg, Hersbruck, Münchaurach, Neustadt, Nürnberg, Pirkenfeld, Schwabach, Schwaningen, Schwarzenberg, Geroldshofen, Uffenheim, Vach, Virnsberg, Windsheim.
Krünitz notiert, das Schwabacher braune Bier sei zwar dick und stark, gehe aber schnell durch den Urin wieder ab. Das klingt heute wie ein Kalauer, war aber ein ernst gemeintes Qualitätsurteil aus der Humoralpathologie: Ein Bier, das „treibt“, galt als gesund, weil es die Ausscheidung fördert und nicht „verstopft“ oder schwer im Leib liegt. Die diätetische Bewertung von Bier war damals Standard — man sieht das auf derselben Seite beim Erlanger Felsenkeller- und Lagerbier, das wegen seiner Bitterkeit ausdrücklich als gutes Magenbier eingestuft wird, oder beim Nürnberger Weizenbier, das als fett, trüb und süß beschrieben wird.
Schwabach war zu der Zeit brandenburg-ansbachisch und ein Gewerbestandort (Nadeln, Blattgold, Messing) mit entsprechend vielen Brauereien — dass es überhaupt namentlich in einer Berliner Enzyklopädie auftaucht, sagt schon etwas über die Reichweite des Handels mit fränkischem Braunbier.
Wenn man im Trierer Volltext nach „Schwabacher“ sucht, bekommt man übrigens auch die Treffer aus den späteren Bänden — das Werk lief bis 1858, sodass man die Entwicklung einzelner Orte über achtzig Jahre hinweg verfolgen kann.
Anspach wird seiner Hefe erwähnt. Weil im landesherrlichen Brauhaus quasi täglich gebraut wurde, gab es dort ständig frische, lebende Obergärhefe. Vor Pasteur und Hansens Reinzuchthefe (1883) konnte man Hefe nicht konservieren oder züchten, sondern nur aus einem laufenden Sud entnehmen und schnell weitertransportieren. Ein Betrieb mit tagtäglichem Sud war damit eine regionale Hefequelle — andere Brauer holten sich von dort ihre Anstellhefe. Ansbach war also weniger wegen des Getränks bemerkenswert als wegen der Infrastruktur.
